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„Die Überheblichkeit, dass wir alles schon wüssten, mussten wir schnell ablegen.“

Intensive Emotionen und teils beklemmende Eindrücke konnten die Besucherinnen und Besucher des preisgekrönten Theaterstücks „Flieg Drachen, flieg! – Ein Leben im Krieg?” vom 5. bis 7. Juni in unserer Schule erleben.

„Das ist riesig“, staunte während einer kurzen Pause einer der Gäste, der beeindruckt von der Inszenierung war, die Schauspiel, Musik und Kunst über drei Etagen unseres Schulgebäudes vereint hatte. Das Drehbuch dafür hatte das Leben der Großeltern unserer Schülerinnen und Schüler geschrieben und so für zahlreiche Gänsehautmomente gesorgt: wenn sich alte Freunde nach den Wirren des Krieges wiederfanden, das Publikum mit der Judenverfolgung in Bad Segeberg konfrontiert wurde, sich Jugendliche dank der englischen Soldaten über einen Sprungturm am Ihlsee freuen durften oder das Leid geplünderter Bauernfamilien eindrücklich vor Augen geführt wurde.

Unter der Anleitung von Frau Otto-Gerull, Frau Sievert und Herrn Baldauf brachten die Schülerinnen und Schüler unseres 11. und 12. Jahrgangs aus den Kursen Darstellendes Spiel, Musik und Kunst diesen Beitrag zum Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten an drei Abenden gleich auf mehrere Bühnen, die im Schulgebäude verteilt aufgebaut worden waren.

Für „Umbrüche zu sorgen“ war dabei das erklärte Ziel der Inszenierung, wie dem Wettbewerbsbeitrag entnommen werden kann. „Wenn unser Theater dann kleine oder große Umbrüche bewirkt, dann haben wir eine Krise bewirkt, die uns willkommen ist“, fassten die Schülerinnen und Schüler ihre Intention zusammen. Schließlich waren sie selbst von den Lebensgeschichten ihrer Interviewpartner ergriffen worden. Geblieben sei die Unsicherheit, da auch heute niemand wissen könne, ob es irgendwann auch bei uns wieder Krieg gäbe, vielleicht um Wasser oder Energie – und die beängstigende Gewissheit, dass Krieg immer präsent sei.

Manchen Gesprächspartner lernten die Schülerinnen und Schüler während ihrer Gespräche ebenso neu kennen wie die ihnen vermeintlich vertraute Heimat: „Die Überheblichkeit, dass wir alles schon wüssten, mussten wir schnell ablegen, egal ob von Großeltern oder der Bad Segeberger Umgebung.“

Schon vor der Premiere hatten sich dann alle Beteiligten freuen dürfen: Das von Frau Otto-Gerull mit Unterstützung von Herrn Schilling geleitete Projekt war kurz zuvor von der Wettbewerbs-Jury zum Landessieger in Schleswig-Holstein gewählt worden. Eine intensive Vorbereitung und Auseinandersetzung mit Zeitzeugeninterviews, einfühlsame Gespräche, in denen unsere
Schülerinnen und Schüler die Geschichte ihrer Groß- oder Urgroßeltern immer besser verstehen lernten sowie die Recherche zu den entsprechenden Sachthemen in Literatur oder Archiv waren in die Entwicklung eines umfangreichen und bewegenden Projekts gemündet, das Verbindung zwischen Alt und Jung, geflüchtet und beheimatet gestiftet hat und nicht nur die Mitwirkenden, sondern auch die Bad Segeberger Besucher in Bewegung brachte.

Das Publikum, unter dem sich auch Zeitzeugen befanden, war begeistert und bedankte sich am Ende bei den rund 90 Beteiligten mit stehenden Ovationen.

Auszüge aus dem Wettbewerbsbeitrag:

„Uns wird klar, dass wir aufbrechen müssen, um für Umbrüche zu sorgen. […]
Auch in unserem Theaterstück bewegen wir, bringen Menschen dazu, aufzubrechen, in Bewegung zu kommen, dem Krieg, den Menschen, die Krieg erlebt haben, in uns zu begegnen, die wir es wagen, in ihre Haut zu schlüpfen, wenn auch nur für wenige Momente, durch unsere Personen, die es wagen, ihr Leben im Theaterspiel auf unseren Leib zu schneidern.
Wenn unser Theater dann kleine oder große Umbrüche bewirkt, dann haben wir eine Krise bewirkt, die uns willkommen ist.“

„Eine Lebensgeschichte wirklich anzuhören – von Mensch zu Mensch – macht uns klar, dass Krieg immer da ist, man nie sicher sein kann, ob es wieder Krieg gibt, vielleicht um Wasser oder Energie. Zu wissen, welches Leid dieser Mensch erlebt hat, macht uns unsicher. Vielleicht aber kann die Begegnung uns auch bewegen, uns im Gespräch mit unseren Verwandten und Großeltern zu unseren Wurzeln zu bringen oder Nähe zu unseren Mitschülern und Mitschülerinnen aus Syrien oder anderen Kriegsgebieten. […]
Um unser Theaterprojekt zu realisieren, mussten wir aufbrechen, um Menschen zu begegnen, begaben uns in ihre Umgebung, weil sie in diesem Rahmen vertrauter sind und eher bereit, zu erzählen. Wir mussten auch unser Denken umbrechen, die Überheblichkeit, dass wir schon alles wüssten, sondern mussten uns in unsere zum Teil urvertrauten Gesprächspartner hineinversetzen und ihnen neu zuhören, neugierig sein, auch wenn manchmal Altes, auch Altbekanntes erzählt wurde. Auch die Sicht auf Bad Segeberg und seine Vergangenheit, kann unser Verhältnis zu unserer Stadt umbrechen und verändern. Würden die Recherchen, die sich auf Segeberg und das Umland beziehen, unsere Sicht auf Bad Segeberg verändern? […]
Das Vertrauen zu den Personen, die meist deutlich spürbare Freude, dass wir uns für ihre Lebensgeschichte interessierten, ließ bei den „Zeitzeugen“ und uns auch Hoffnung aufbrechen,
denn sie hatten es überlebt und lebten immer noch, oft innerlich verwundet, aber sie hatten nicht
aufgegeben und so wollen auch wir nicht aufgeben. In uns bricht der Wunsch auf, dass so etwas
nie wieder passieren darf und das leider jetzige Kriege auch nicht passieren dürften.“